Wer bin ich, sie zu verurteilen?

Das Gleichnis vom Splitter und vom Balken

Bild: Domenico Fetti

«Wer bin ich, sie zu verurteilen?»
Dieser Satz, den Papst Franziskus gegenüber den Journalisten auf dem Rückflug einer seiner Reisen formulierte, ging um die ganze Welt. Er bezog sich auf homosexuelle Menschen. Aber er gilt im Grunde für alle Situationen, die im Hinblick auf die kirchliche Lehre als «nicht in Ordnung» angesehen werden. «Wer bin ich, dass ich mich selber in einer rechtmässigen Situation wähne?», könnten wir die Worte des Bischofs von Rom weiterführen.

Strenge Weisung
«Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden» (Matthäus 7, 1–2). Diese Worte Jesu, die dem Gleichnis vom Splitter im Auge des Bruders/der Schwester und dem Balken in unseren eigenen Augen (Matthäus 7, 3–5), vorangestellt sind, eröffnen das dritte Kapitel der Bergpredigt (Matthäus 5–7). «Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!», schliesst die energische Anordnung Christi (Matthäus 7, 5).

Nur Gott urteilt
Denn «die Leuchte des Leibes ist das Auge. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Leib hell sein», unterstreicht schon der neue Mose im vorausgehenden Kapitel (Matthäus 6, 22). Es geht also um sehr viel.
Es geht nicht darum, «schwierige Paare» und den jeweiligen familiären Kontext bedingungslos gut zu heissen, oder sie oberflächlich zu beurteilen. Nur Gott urteilt, da er allein Herz und Nieren prüfen und die wahren Ab–sichten und den Grad der Gerechtigkeit eines jeden beurteilen kann.
Wir sollen nicht nur jede Vereinigung und jede Familie in ihrer Besonderheit begleiten, indem wir ihr helfen, zu unterscheiden und jede Person in unsere Gemeinschaften zu integrieren, wie das nachsynodale apostolische Schreiben Amoris laetitia (Die Freude der Liebe) uns dazu auffordert (in seinem Kapitel 8). Aber auf das Urteilen über andere zu verzichten, bedeutet auch, alle Dinge mit Sorgfalt zu betrachten und so unser ganzes Wesen mit Licht zu erfüllen. «Ändere deinen Blick auf andere und die Welt wird sich ändern», schlägt ein Lied von Noël Colombier zu Recht vor!

François-Xavier Amherdt

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