Wer ist Christus?


«Mit der Geburt Jesu Christi war es so…» beginnt Matthäus seine Erzählung über die Geburt Jesu Christi in Bethlehem (Mt 1,18). Dieser Satz klingt in unseren Ohren so vertraut, dass wir uns gar nicht mehr fragen, wer denn dieser «Jesus Christus» eigentlich ist und was er für uns bedeutet.

Foto: © Poss

Wer ist Jesus? 
Zunächst ist Jesus eine historische Per­son, die viele Menschen interessiert. Es gibt wohl niemanden aus der Antike, über den so viel geschrieben und nachgedacht worden ist, wie über Jesus. Die vier Evan­gelien beschreiben das Leben Jesu zwar nur bruchstückhaft, doch insgesamt be­­trachtet, bieten diese uns immer noch weit mehr Informationen über Jesus als wir über andere historische Persönlichkeiten wissen. Das Leben Jesu kennen wir je­­doch nicht nur aus der Bibel, sondern auch aus einer Reihe ganz anderer Quel­len, deren Verfasser keine Freunde oder gar Anhänger von Jesus waren. Kein se­­riöser Historiker stellt heutzutage die Exis­tenz Jesu in Frage. «Doch Jesus ist mehr als eine historische Person: Er ist der Messias, als den die Apostel Jesus  er- und bekennen, angefangen mit Petrus. Auf ihn hat Israel gewartet, mehr noch: die ganze Welt. Er ist der christos, der Christus, der Gesalbte, der herausgehoben ist aus dem Volk, der Königswürde hat. Er ist der Menschensohn, der über der Schöpfung steht. Und Jesus Christus ist noch mehr: Der Menschensohn ist Sohn Gottes, menschgewordener Gott, ja Gott selbst in Person des ewigen Wortes, des Logos.»

Machen wir uns auf die Suche nach den Spuren dieses «Christus».

Christus
Der Begriff «Christus» ist kein eigentlicher Personenname, sondern ein Hoheitstitel. Seinen Ursprung finden wir im Ara­mäischen, der Muttersprache Jesu, wo das Wort «meschiha», der Gesalbte be­­deutet. Die Autoren der Evangelien, die auf Griechisch verfasst wurden, übersetzten «meschiha» mit «christos». So ist «Jesus Christus» die älteste und zugleich die  kürzeste Form des christlichen Bekennt-nisses: Jesus von Nazaret ist in seiner Person der verheissene Christus, d. h. der Messias. Der Name «Jesus» bedeutet «Gott rettet». Das Kind der Jungfrau Ma­­ria wird «Jesus» genannt, «denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen» (Mt 1, 21). «Es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen» (Apg 4,12).
Sehr bald wurde Jesus Christus jedoch nur noch als Doppelname verstanden. «Aus dieser Glaubensüberzeugung, dass Jesus der verheissene Christus ist, sind die christlichen Quellen über sein Leben und Wirken abgefasst. Die Paulusbriefe und die kanonischen Evangelien sind in erster Linie Glaubenszeugnisse, in denen Geschichte und glaubensmässige Deu­tung, Leben und Legende miteinander ver­­woben sind.» Kardinal Ratzinger schrieb einmal: «Christus ist nicht irgendein grosser Mensch mit einer bedeutenden religiösen Erfahrung, er ist Gott, Gott, der Mensch wurde, damit es die Brücke zwischen Mensch und Gott gibt, und der Mensch wahrhaft er selber werden kann. Wer Christus nur als grossen religiösen Men­schen sieht, sieht ihn nicht wirklich. Der Weg von Christus und zu Christus muss dort ankommen, wo das Markus-Evan­ge­lium mündet, beim Bekenntnis des rö­­mischen Hauptmanns vor dem Ge­­kreu­zigten: “Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn” (15, 39). Er muss dort an­­kommen, wo das Johannes-Evangelium mündet, im Bekenntnis des Thomas: “Mein Herr und mein Gott” (20, 28). Er muss den grossen Bogen durchschreiten, den das Matthäus-Evangelium von der Verkündigungs­geschichte bis zur Sen­dungsrede des Auferstandenen spannt. In der Verkündigungsgeschichte wird Jesus angekündigt als der “Gott mit uns” (1, 23). Und das letzte Wort des Evangeliums nimmt diese Botschaft auf: “Siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt” (28,19). Um Christus zu kennen, muss man den Weg mitgehen, den uns die Evangelien führen.»

Foto: © Paul Martone

Der Messias
Um diesen Titel zu verstehen, müssen wir die ersten Seiten der Bibel aufschlagen, auf denen uns die Schöpfungsgeschichte überliefert ist. Wir sehen, dass Gott die ganze Welt erschaffen hat und am sechsten Tag den Menschen, sozusagen als End- und Höhepunkt der Schöpfung. Das erste Paar, Adam und Eva, hatte das Glück im Garten Eden leben zu dürfen, wo es ihm an nichts fehlte. Alles stand den beiden zur Verfügung, nur der Baum der Er­­kenntnis war Gott vorbehalten. Es kam jedoch, wie es kommen musste, der Reiz des Verbotenen wurde zu gross, so dass Eva, von der Schlange verführt, eine Frucht vom Baum riss, sie ass und auch Adam davon zu essen gab. Die Folgen davon sind bekannt: Der Traum vom Pa­­radies auf Erden zerplatzte, Adam und Eva mussten den Garten verlassen und selbst für ihre Existenz arbeiten. Das Schlimmste jedoch, war die Trennung von Gott, was schon bald zu Mord und Totschlag führte. Nach seinem Fall wurde der Mensch von Gott jedoch nicht aufgegeben. Es blieb ein Funken Hoffnung durch die göttliche Verheissung: «Feind­schaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ih­­rem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse» (Gen 3,15). Zahlreiche Propheten des Alten Testamentes haben auf diese Verheis­sung Bezug genommen und von einem besonderen Messias gesprochen, der als Retter und Friedensbringer kommen soll. Er wird die Menschen befreien und ihr König sein. Mit seinem Kommen wird sich alles verändern! Es wird Frieden sein, Heil und Wohl für alle Menschen und Tiere, und zwar nicht nur für eine begrenzte Zeit, sondern für immer. Der Prophet Jesaja beschreibt diesen kommenden Messias wie folgt. «Denn ein Kind wurde uns ge­­bo­ren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. Man rief seinen Namen aus: Wun­derbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens» (Jesaja 9, 6). Aufgrund dieser Prophezeiungen warten Juden bis heute auf diesen verheissenen Messias. 

Es ist verblüffend, wie viele uralte Pro­phe­­zeiungen auf Jesus zutreffen. Auch die christliche Überlieferung sieht in Ge­­nesis 3,15 die Ankündigung des erlösenden Messias, des neuen Adam. Für die Christen hat dieser Messias einen Na­­men: Jesus, der als Kind in Bethlehem zur Welt kommt und durch seinen Ge­­horsam bis zum Tod am Kreuz, Gott und Mensch wieder versöhnt hat. Jesus selbst hat sich als der verheissene Messias gesehen. Zum Beispiel im Gespräch am Brunnen mit der Frau aus Sychar. Als sie sagte: «Ich weiss, dass der Messias kommt, der Christus heisst. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht» (Joh 4, 25-26). Seine Auferweckung nach seinem Tod am Kreuz durch den Vater im Himmel bezeugt, dass Jesus Christus wirklich der von Gott verheissene Mes­­sias ist.

Stadt Freiburg: Brunnen der Samariterin 1550,
Hans Gieng. DR

Der Gesalbte
«Das Wort “Messias” ist eigentlich ein Ad­­jektiv: ein Gesalbter.» Gesalbt wurden im Alten Testament Priester, Propheten und Könige. Propheten verliehen Königen im Auftrag Gottes die Würde. Saul wurde vom Propheten Samuel zum König ge­­salbt. David und Salomon wurden gesalbt, die Salbung sollte dem Herrscher göttliche Gnade und einen herausgehobenen Status unter den Menschen verleihen, ihm aber auch vor Augen führen, dass er seine Macht wiederum Gott verdanke. 
Bereits die Urchristen sahen in Jesus einen Nachkommen Davids und den von den Juden erwarteten Erlöser und Gesalbten der Endzeit, dessen Wiederkunft und zu­­künftiges Königreich bevorstehe. Auch er wurde gesalbt, und zwar durch Maria, die kostbares Nardenöl über das Haar von Jesus goss. Zugleich wurde im Johan­nes­evangelium mit dreihundert Denaren auch eine Wertangabe gemacht. Wenn man berücksichtigt, dass ein Denar etwa der Tageslohn eines Arbeiters im Wein­berg war (Mt 20, 2), kann man den gros­sen Wert, den dieses Öl hatte, ungefähr einschätzen, entspricht dieser doch dem Arbeitslohn von 300 Tagen (Joh 12, 3-5). Mit dieser Salbung legte die Schwester von Martha und Lazarus ein Glaubens­zeugnis dafür ab, dass Jesus nicht einfach ein begnadeter Redner ist, ein kraftvoller Wunderheiler, ein grosser Rabbi und netter Mensch. Vielmehr kam sie ganz in­­­­tuitiv zur Erkenntnis: Hier ist der erwartete, der ersehnte Retter von Gott. Jesus Christus heisst also: der Gesalbte Gottes, dessen Taten und Zeichen die Einsetzung und Bevollmächtigung durch Gott bestätigten. Durch die Salbung mit Chrisam während der Taufe sind wir alle auch zu Gesalbten geworden. Durch diese Sal­bung kommt zum Ausdruck, dass wir königliche, prophetische und priesterliche Menschen sind, dass auf uns der Se­­gen Gottes ruht. Durch die Taufe sind wir königliche Menschen geworden, die selber leben, anstatt gelebt zu werden. Wir sind Menschen mit einer unantastbaren Würde. Und jeder Mensch ist einmalig – ein einzigartiges Wesen Gottes, das nur durch diesen Menschen in der Welt erklingen kann.

Foto: © Poss

Die Auferstehung Christi
«Der Menschensohn ist Sohn Gottes, menschgewordener Gott, ja Gott selbst in Person des ewigen Wortes, des Lo­­gos», habe ich weiter oben geschrieben. Wie können wir an so etwas glauben?
Jesus selbst bezeugt es – in Wort und Tat. Zu erwähnen sind hier die sieben «Ich-bin-Worte» die Jesus zu den Jün­gern spricht: Ich bin das Brot des Lebens, das Licht der Welt, die Tür, der gute Hir­te, die Auferstehung und das Leben, der Weg, die Wahrheit und das Leben, der wah­re Weinstock. «In diesen Worten erscheint noch einmal gebündelt all das, was den christlichen Glauben ausmacht: die Gewissheit, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, der unser Leben mit Brot, Wein und Licht nährt, der uns befähigt, die Welt zu speisen und zu erhellen, und der uns zum Vater leitet, wenn wir diese Welt verlassen – nicht in den endgültigen Tod, sondern in die Auferstehung und das ewige Leben hinein» (Josef Bordat).
Jesus beliess es aber nicht nur bei Worten, sondern er schritt auch zu einer Tat, die die Welt völlig veränderte: seine Auferstehung von den Toten. Mit der Auf­erstehung Jesu von den Toten steht und fällt alles, sie ist entscheidend für den christlichen Glauben. «Ist Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos», schreibt der Apostel Paulus, und er fährt dann fort: «Nun aber ist Christus auferstanden…». Er kann das sagen, weil Jesus seinen Jüngern leibhaftig als Lebender erschienen ist, mit ihnen ass und sich anfassen liess, und auch dem Paulus selber erschien er vor den Toren von Damaskus und berief ihn zum Boten der Auferstehung. Auch wir sollen solche Boten sein: «Das Ereignis des Todes und der Auferstehung Christi ist das Herz des Christentums, der tragende Mittelpunkt unseres Glaubens, der mächtige Antrieb unserer Gewissheit, der starke Wind, der alle Angst und Unsicherheit, jeden Zwei­fel und jede menschliche Berechnung vertreibt» (Benedikt XVI.).
Paul Martone


 

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