Zu richten die Lebenden und die Toten

Das Gericht – Tag des Zornes («dies irae»), oder Tag der Freundschaft?

Foto: DR

An Ostern feiern wir, dass Jesus nicht im Tod blieb, sondern nach drei Tagen wieder auferstanden ist. Seit diesem Ereignis dürfen wir Menschen darauf hoffen, dass auch wir eines Tages, wenn unsere Stunde schlägt, um von dieser Welt Abschied zu nehmen, auferstehen werden zum ewigen Leben. Für viele Menschen ist der Tod und vor allem das, was auf uns zukommt, wenn wir die Tür zwischen Leben und Tod durchschritten haben, mit Angst verbunden. Wir wissen nämlich aus der Heiligen Schrift, dass es nach unserem Sterben ein Gericht geben wird, bei dem wir, wie man es in vielen kunstvollen Darstellungen sehen kann, gewogen werden. Werden wir dabei als «zu leicht» befunden, oder hat das Gute, das wir in unserem Leben getan haben, genug Gewicht, um in den Himmel zu kommen? Was müssen wir uns unter diesem Gericht vorstellen?

Man «weiss» nichts!
«Was wollen Sie denn über das Gericht nach dem Tod sagen?», denkt sich vielleicht der eine oder die andere, denn: «Es ist ja noch niemand zurückgekommen!» Diese oft gehörte Aussage stimmt nur zum Teil. Es stimmt, dass ich noch nie «drüben» gewesen bin und ehrlich gesagt, möchte ich, wenn es denn Gottes Wille ist, auch nicht so schnell sterben und deshalb ist es auch wirklich sehr schwierig, etwas Konkretes über das Leben nach dem Tod zu sagen, denn «kein Auge hat gesehen und kein Ohr hat gehört und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben» (1. Korinther 2, 9). Da ich aber auf das Wort Jesu vertraue, dass Gott barmherzig ist, ja, dass sein Name «Barmherzigkeit» ist, wie Papst Franziskus es lehrt, versuche ich, mich vor dem Tod und dem was nachher kommt, nicht zu fürchten, sondern mich in Gottes Arme zu werfen und ihn zu bitten, er möge auch mir barmherzig sein.
Was aber an der obigen Aussage nicht stimmt, ist die Behauptung: «Es ist ja noch nie jemand zurückgekommen!» Es ist jemand zurückgekommen und zwar Jesus Christus! Wenn wir also über das Leben und das Gericht nach dem Tod nachdenken wollen, so können wir uns nur auf die Bibel berufen und auf das, was Jesus uns zu diesem Thema gesagt hat. Der Tod stellt letztlich die Frage nach unserem Glauben, d.h. nach Jesus Christus, zu seinem Leben, zu seinem Tod und zu seiner Auferstehung. Bei der Frage nach dem Tod steht also der Glaube auf dem Prüfstand.

Nach der Auferstehung erscheint Jesus den Jüngern von Emmaus
(Foto: Poss)

«Auferstehung», sagte Eduard Thurneysen, ein Theologe des vorigen Jahrhunderts, «Auferstehung – in diesem Wort liegt der ganze Christenglaube».
Aus diesem Glauben heraus wollen wir uns im Folgenden anschauen, was es denn mit dem Gericht auf sich hat, das nach unserem Tod auf uns zukommt.

Das persönliche Gericht
Das besondere oder auch persönliche Gericht ereignet sich im Augenblick des Todes des Einzelnen. Es ist dies der Augenblick, wo die Masken fallen und die Wahrheit über den Menschen sichtbar wird, die Illusionen und Selbsttäuschungen haben ein Ende. Hier erhält der Mensch Klarheit über sein Leben, den Durchblick, den er zu Lebzeiten so oft vermisst. «Jetzt kann nichts mehr verdrängt und versteckt, nichts mehr geändert werden.» Der Mensch sieht da, wie Gott ihn zeitlebens gesucht hat; wie er ihm in ganzer Liebe zugewandt war; wie er ihm die Freundschaft angeboten hat. In dieser endgültigen Begegnung erahnt der Mensch das ganze Ausmass der Güte und Liebe Gottes. Im Angesicht Gottes wird er auf einmal begreifen, was er ist und was er hätte sein können. Das Gericht ist somit ein «unüberbietbarer Akt der Selbsterkenntnis». Schauen wir hier auf Erden zu unseren Lebzeiten noch «in einen Spiegel», werden wir dann «durch und durch erkennen», wie Paulus im Korintherbrief (13, 12) schreibt. Da wird manches, was uns hier auf Erden belanglos erschien, wichtig werden, und vieles, was uns auf Erden bedeutsam vorkam, wird sich als belanglos erweisen. In diesem Sinne bringt das besondere Gericht eine Umwertung aller Werte. Erst in der Begegnung mit Gott erkennt der Mensch die Konsequenzen seiner Taten, er sieht, was vor Gott Bestand hat und was nicht – und diese Erkenntnis kann befreiend, aber auch bedrückend, verurteilend oder freisprechend sein. Durch diese Erkenntnis richtet sich der Mensch, er erkennt sich als der, der er in Wahrheit ist. Je nachdem wird er eingehen ins Leben bei Gott oder in die Finsternis der Gottesferne und zwar nicht erst am Ende der Welt, sondern direkt nach seinem Tod.

Das Allgemeine Gericht
Am Ende der Zeit folgt dann das Allgemeine Gericht, das sich über die ganze Menschheit erstreckt. Dieses nimmt dem persönlichen Gericht nichts von seiner Bedeutung, denn dieses ist endgültig. Aber dieses Urteil wird im Weltgericht bestätigt. Es wird nicht überprüft, es wird nicht korrigiert, es wird bestätigt. Beide Gerichte «sind eng miteinander verbunden, insofern das Leben und Handeln der Einzelnen mit der Geschichte und der Welt in Verbindung steht». Wenn im Johannesevangelium steht, dass uns bei der Wiederkunft Christi am Ende der Welt alles klar sein wird und wir nichts mehr fragen müssen (Joh 16, 23), so heisst das auch, dass Gott uns beim Allgemeinen Gericht zeigen wird, was der Sinn der Welt war, warum Gott etwas zugelassen hat, das wir nicht verstehen konnten, was der Sinn war in manchem, das uns sinnlos erschien. Es wird bei diesem Gericht auch um die Frage gehen, wie wir als Menschheit unsere sozialen Pflichten erfüllt haben. Die Menschheit ist ja eine grosse Gemeinschaft, die miteinander und füreinander leben sollte und füreinander Verantwortung trägt, wie es schon auf den ersten Seiten der Bibel nachzulesen ist: «Bin ich denn der Hüter meines Bruders?» fragt Kain. Ja, ich bin der Hüter meines Bruders und meiner Schwester! Keiner kann die Vergebung Gottes erlangen, der nicht selber zur Vergebung bereit ist. Das allgemeine Gericht wird die Menschen darüber belehren, was es heisst. «Herr, wann haben wir dich nackt oder gefangen oder krank gesehen? Wann haben wir dich hungrig und durstig gesehen?» Die Antwort wird sein: «Alles, was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan!» Aber auch das Gegenteil: «Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan!» Das Gericht geschieht also schon jetzt, zu meinen Lebzeiten: wir können es gleichsam ins Leben vordatieren. «Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet … Wer mein Wort hört und glaubt, hat das ewige Leben und er kommt nicht ins Gericht, sondern er ist schon aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.» Somit wachsen Himmel und Hölle schon jetzt in unserem irdischen Leben heran.

Ökologische Sünden
Christus wird die Menschheit dann auch fragen, wie sie mit der Schöpfung umgegangen ist. Die Schöpfung, das «Gemein-same Haus», ist uns von Gott nur anvertraut. Wir haben es zu bewahren, damit auch kommende Generationen noch darin leben können. Da muss sich ein Teil der Weltgemeinschaft schuldbewusst an die Brust klopfen und bekennen, dass sie aus Gier und ohne Rücksicht auf Verluste, die Mutter Erde «vergewaltigt» hat und deswegen Menschen den Preis für von an–deren Menschen verursachte Umweltschäden bezahlen müssen. Zu Recht spricht Papst Franziskus in diesem Zusammenhang von «ökologischen Sünden». Besonders verdammenswert seien jene Verhaltensweisen, die als «Mord an der Umwelt» betrachtet werden könnten: die massive Verunreinigung der Luft, Land- und Wasserressourcen, die grossflächige Zerstörung von Flora und Fauna sowie alle Massnahmen, die riskieren, eine ökologische Katastrophe heraufzubeschwören oder Ökosysteme zu zerstören», so der Papst.

Auferstehung Christi, Glasfester (19. Jht.) im Chor des Münsters zu Basel
(Foto: Poss)

Der Richter
«Wer meine Worte nur hört und sie nicht befolgt, den richte nicht ich; denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten», schreibt Johannes in seinem Evangelium (12, 47). Das heisst: Christus verdammt niemanden, denn sein Wille ist die Rettung des Menschen, den er als Vater innig liebt. Das Unheil wird nicht von ihm verhängt, sondern der Mensch verdammt sich selbst. Die Höllenstrafe ist nicht so etwas wie ein Racheakt des allgütigen Gottes. Man könnte im Gegenteil sagen, die Höl-le ist nichts anderes als die äusserste Konsequenz der Liebe Gottes und der Bosheit des Menschen. Gott liebt jeden Menschen, und er will alle retten. Den Sünder mahnt er zur Umkehr. Bis zum letzten Augenblick bietet er ihm Erbarmen und Freundschaft an. Aber er zwingt die Freundschaft niemandem auf. Er achtet die Freiheit des Menschen. Die grösste Liebe wird jedoch ohnmächtig, wenn sie abgelehnt und verneint wird. Der heilige Franz von Sales schreibt: «Die Zeit, Gott zu suchen, ist dieses Leben. Die Zeit, Gott zu finden, ist der Tod. Die Zeit Gott zu besitzen, ist die Ewigkeit». Wer danach fragt, wie er vor dem Richterstuhl Gottes eines Tages bestehen kann, dem kann das Wort des spanischen Kirchenlehrers Johannes vom Kreuz ein Weg-weiser sein: «Am Abend unseres Lebens werden wir nach unserer Liebe gerichtet werden».

Paul Martone

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